Alfred Ganz wurde am 8. November 1874 an der Rosengasse in Mainz geboren. Seine Eltern waren Moritz und Karoline Ganz, die eine koschere Metzgerei betrieben. Alfred hatte acht Geschwister, von denen zwei im Kleinkindesalter starben. Er besuchte Grund- und Mittelschule in Mainz und schloss mit der mittleren Reife ab. Anschliessend begann er am 15. April 1890 die Lehre als Kaufmann des Eisenhandels bei der Fa. Julius Sichel in Mainz, wo er anschliessend auch arbeitete.
Am 7. Februar 1904 heiratete er eine Bekannte seiner Schwester Ida, Valerie Wolff. Sie hatten zusammen die Kinder Ernst (1904), Felix (1906), Madelaine (1908) und Elisabeth (1911). Alle Kinder wurden in Luxemburg geboren, wo Alfred – der 1903 Teilhaber der Fa. Sichel wurde – gute Aussichten sah, die Firma zu entwickeln. Luxemburg lag im Zentrum der Stahlgewinnung in Europa mit dem Ruhrgebiet, Lothringen, Belgien und Luxemburg selber. Als der andere Teilhaber, Ferdinand Sichel, seinen 18-jährigen Sohn verlor, zog er sich aus der Firmenleitung zurück, und Alfred übernahm die Mehrheit der Gesellschaft.
Alfred war ein weitblickender, aktiver Unternehmer. Er erkannte die Bedeutung sowohl von Carbid wie auch von Lötzinn als zukünftige Handelsartikel, und so wurde die Fa. Sichel vom Handelsunternehmen zum Produzenten. Durch seine grosse Schaffenskraft wurde sie zu einem bedeutenden Unternehmen mit Hauptsitz in Luxemburg mit Tochtergesellschaften in Deutschland, Frankreich und Belgien.
In Thonon am Genfersee kaufte Sichel ein Elektrizitätswerk, um eine Fabrik für Carbid zu errichten. Diese nahm 1914 den Betrieb auf. Als der Leiter dieser Fabrik plötzlich verstarb, sah sich Alfred gezwungen, mit seiner Familie nach Thonon zu ziehen. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, musste die Familie Thonon fluchtartig verlassen und zog nach Wiesbaden, wo Alfreds Eltern wohnten.
Alfred wurde ins Militär eingezogen. Dank seiner Französischkenntnisse wurde er dem Bahnüberwachungsdienst zugeteilt. Seine guten Beziehungen verhalfen ihm zum Einsatz auf der Strecke Saarbrücken – Thionville – Luxemburg, wodurch er auch seinen privaten Tätigkeiten nachgehen konnte. Nachdem seine Carbidproduktion von den Franzosen konfisziert wurde, fand er neue Quellen in der Schweiz beim Carbidwerk von Herrn Frey Fürst am Bürgenstock.
Diese Kontakte führten dazu, dass er sich in St. Niklausen bei Luzern niederliess. Am 1. Mai 1918 zog die ganze Familie in die »Solina« ein. Von hier aus führte er den ständig wachsenden Sichelkonzern. Im Jahre 1921 erhielt er von der Universität Giessen den Ehrendoktor. In den zwanziger Jahren erwarb er in Grône im Wallis eine Anthrazitkohlenmine und gründete 1923 in Buchs bei Zürich gemeinsam mit der Bank La Roche die Blockmetall, einen Produzenten von Lötzinn.
In der Rezession von 1929 und dann vorwiegend durch das Aufkommen der Nationalsozialisten wurden die deutschen Unternehmen beschlagnahmt und die Unternehmen in Luxemburg und Frankreich sequestriert. Den 2. Weltkrieg überlebte die Familie in St. Niklausen. Die Kohlenmine wurde zum grossen Glücksfall, da Kohle in der Schweiz Mangelware wurde.
Alfred Ganz war ein grosszügiger und offener Mensch. Seine Frohnatur brachte ihm viele Freundschaften, auch in der Geschäftswelt. In seinem Leben hat er unzähligen Menschen geholfen; besonders seine nähere und weitere Familie verdankte ihm viel. So beherbergte er seinen Bruder Cäsar mit Frau Emilie und auch die Schwiegereltern seiner jüngsten Tochter während der ganzen Kriegszeit. Im Alter von 84 Jahren verstarb er nach kurzer Krankheit.